Sorgenkonfrontation ("Die Sorgen zu Ende denken")
Die Sorgenkonfrontation ist der wichtigste therapeutische Teil der Sorgenbehandlung. Sie wird dann eingesetzt, wenn Sorgen im Mittelpunkt der Problematik stehen.
Das Prinzip der Sorgenkonfrontation
Wie bereits im vorherigen Kapitel beschrieben, hält der Versuch, nicht an das Schlimmste zu denken und deshalb von Sorge zu Sorge springen, die Ängste und Sorgen am Leben. Durch den ständigen Themenwechsel und die Gedankenketten können die Sorgen und Ängste nicht richtig verarbeitet werden. Mit Hilfe der Sorgenkonfrontation kann man sich an die Sorgen gewöhnen, sie verarbeiten und damit langfristig reduzieren. Das Prinzip der Sorgenkonfrontation liegt darin, sich jede einzeln Sorge bis zum Ende, also bis zum schlimmstmöglichen Ausgang hin vorzustellen. Dabei sollte man sich die katastrophalen Befürchtungen möglichst bildhaft ausmalen und die dabei auftretenden Angstgefühle so lange aushalten, bis sie im Zuge einer Gewöhnung sinken. Diese Gewöhnung an die Angst ist ein natürlicher, wissenschaftlich sehr gut erforschter physiologischer Vorgang, der sich bei einer richtigen Durchführung der Sorgenkonfrontation auf jeden Fall einstellt! Die Gewöhnung führt langfristig zu einer Verringerung von Sorgen und unangenehmen Begleitsymptomen.
Der Prinzip der Sorgenkonfrontation kann in einem Angstverlaufdiagramm verdeutlicht werden. In der folgenden Abbildung sind zuerst einmal die häufigsten Befürchtungen dargestellt, die Betroffenen auf die Frage äußern, was passiert, wenn sie ihren Sorgen ungehindert Lauf lassen würden (Pfeile A, B). Der Pfeil C zeigt den Verlauf von Sorgen bei den typischen Sorgenketten: Die Sorgen und Ängste oszillieren, werden mal mehr, mal weniger, lassen aber langfristig nicht nach. Der Pfeil D zeigt, was im Verlauf einer Sorgenkonfrontation mit der Angst und den Sorgen geschieht. Zuerst intensiviert sich die Angst, weil man sich die Sorge ja ganz intensiv und genau vorstellt. Die Angst geht aber zurück, weil sich ein Gewöhnungseffekt einstellt; die Sorge wird verarbeitet und verliert an Bedrohlichkeit. Im Einzelfall kann die Gewöhnungskurve D etwas steiler oder flacher ausfallen. Außerdem kann die Sorgenhöhe mehr oder weniger schwanken. Im Rahmen der Sorgenkonfrontation wird die Kurve jedoch immer flacher, d.h. die Angst geht nicht mehr so stark hoch und sinkt schneller.
Angstverlaufskurve bei Generalisierter Angststörung
angstverlauf
Durchführung
Um genug Material für die spätere Sorgenkonfrontation zu haben, sammelt der Patient mit Hilfe des Therapeuten zuerst einmal die Sorgenbereiche und die einzelnen Sorgeninhalte. Nun schätzt der Patient das Ausmaß der mit den Sorgeninhalten verbunden Angst auf einem "Angstbarometer" zwischen 0 und 100 ein. Jetzt kann man für jeden Sorgenbereich eine Sorgenhierarchie, d.h. eine Rangreihe der einzelnen Sorgen bilden. Aus dieser Rangreihe wählt man gemeinsam mit dem Therapeuten eine Sorge aus, mit der die Sorgenkonfrontation beginnen soll.
Anschließend malt der Patient mit Hilfe des Therapeuten diese Sorge und ihren schlimmsten Ausgang möglichst bildlich und genau aus: Was ist das Schlimmste, was passieren könnte, wenn ich die Sorge zu Ende denke? Was passiert dann genau? Wie fühle ich mich dann? Auch wenn es anfangs schwer fällt - je genauer das Sorgenszenario ausgemalt wird, desto besser für die Sorgenkonfrontation. Nun erfolgt die Sorgenkonfrontation, bei der sich der Patient das vorher ausgestaltete Sorgenszenario bildlich vorstellt. Das klappt am besten, wenn der Patient seine Augen schließt und der Therapeut ihm das Sorgenszenario langsam vorspricht. Der Patient soll genau zuhören, auf seine Angst achten und nicht innerlich abschalten oder sich ablenken. Im Verlauf der Konfrontation stellt sich die oben beschriebene Gewöhnung ein und die Angst reduziert sich. Nach der Bearbeitung des ersten Sorgenbereichs werden die gleichen Schritte für die weiteren Sorgenbereiche wiederholt. Die Sorgenkonfrontation ist dann beendet, wenn die Sorgeninhalte nur noch minimale oder mäßige Angst hervorrufen und sich die Sorgen in allen Bereichen reduziert haben.
Die Sorgenkonfrontation sollte zuerst mit einem Therapeuten durchgeführt werden. Grundsätzlich sind je nach Therapeut und dessen fachlichen Vorerfahrungen Varianten in der Durchführung möglich. Im späteren Verlauf der Therapie ist es jedoch sehr wichtig, die Sorgenkonfrontation selbständig daheim durchzuführen (z.B. mithilfe einer in der Stunde aufgenommenen Kassette). Das Prinzip der Sorgenkonfrontation kann auch nach der Therapie als präventive Strategie bei zukünftigen Sorgen eingesetzt werden.
Beispiel Herr N.

Sorgenhierarchie "Arbeit"  
Gespräch beim Chef 50
Kollegen lachen 60
Versetzung 80
Abmahnung 90
Kündigung 100
Obdachlosigkeit 100
Beispiel Frau R.

Sorgenhierarchie "Kind"  
Kind weint 50
Kind hat Fieber 60
schwerer Unfall 90
Vergiftung 90
Krebs 100
Kind stirbt 100
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