3. Aufrechterhaltende Faktoren
Die aufrechterhaltenden Faktoren führen dazu, dass Ängste und Sorgen nicht aufhören, sondern immer intensiver und häufiger werden. Diese Faktoren halten also die generalisierte Angst am Laufen.
Wir wissen aus Untersuchungen, dass die Bewertung, z.B. Art und Weise wie eine Person ihre Umgebung einschätzt sowie der Umgang mit den Sorgen dazu beitragen, dass die Sorgen bei Personen mit generalisierter Angst nicht enden und sich immer weiter verbreiten.
Die Bewertung
Es hängt nicht von einer Situation oder von einem Gegenstand an sich, sondern von der Bewertung dieser Situation oder dieses Gegenstandes als bedrohlich und belastend ab, ob sich ein Mensch darüber Sorgen macht oder Angst bekommt. Dies kann man sich an folgendem einfachen Beispiel klarmachen: Eine Person, welche eine Spinne als bedrohlich und eklig ansieht, bekommt Angst. Eine andere Person bewertet die gleiche Spinne als harmlos und verspürt deswegen keine Angst. Bei Menschen mit generalisierter Angst scheint es nun so zu sein, dass sie Situationen häufiger als bedrohlich und belastend einschätzen. Das fängt damit an, dass sie ihre Aufmerksamkeit vermehrt auf vermeintliche Bedrohungen in ihrer Umwelt richten.
Es fallen ihnen also in ihrem Alltag Situationen und Dinge, die Anlass zu Sorgen geben könnten, in verstärktem Maße auf (z.B. Berichte über Unfälle bei Kindern, Zeitungsnachrichten über betriebliche Kündigungen). Außerdem tendieren Personen mit generalisierter Angst dazu, ungewisse Situationen in ihrer Umwelt als bedrohlich zu bewerten (z.B. ein Martinshorn, eine unklare Aussage des Partners, ein Blick vom Chef, etc.). Schließlich bewerten Menschen mit generalisierter Angst oft auch ihre Sorgen und Ängste als gefährlich und bedrohlich (z.B. "Ich könnte durch meine Sorgen krank werden"). Sie machen sich also quasi "Sorgen über ihre Sorgen".
Beispiel Herr N.
Herr N. bekommt eine Postwurfsendung, in der Computerkurse angeboten werden. (Auslösesituation). Er denkt sich "Meine Abteilung hat das veranlasst" (Bewertung). Er beginnt sich unwohl zu fühlen.
Beispiel Frau R.
Frau R. erreicht die Tages-mutter nicht (Auslösesituation). Sie denkt: "Meinem Kind ist etwas Schlimmes passiert!" (Bewertung). Sie bekommt Angst.
Der Umgang mit den Sorgen
Man hat herausgefunden, dass die Art und Weise, wie Menschen mit ihren Sorgen umgehen, den Ablauf und die Dauer von Sorgen beeinflusst. Wie wir sehen werden, führen oft paradoxerweise gerade die Strategien, die Menschen zur Bewältigung ihrer Ängste anwenden (z.B. Ablenkung), zu einer Intensivierung und Häufung von Sorgen. Im folgenden sind die wichtigsten "Strategien" aufgeführt, die für das Nichtnachlassen von Angst und Sorgen verantwortlich sind:
Versuch, die Sorgengedanken zu unterdrücken oder zu vermeiden:
Es ist naheliegend, das eine Person, die sich Sorgen macht, zuerst einmal versuchen wird, die Sorgen abzustellen und zu unterdrücken. Der Versuch, an Sorgen nicht zu denken ("Ich darf nicht mehr an ... denken"), erhöht jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass die unerwünschte Sorge immer wieder auftaucht. Das veranschaulicht folgendes Experiment:
Ein kleines Gedankenexperiment zum Ausprobieren

 

"Versuchen Sie, die nächsten 5 Minuten nicht an einen rosa Elefanten zu denken:"
elefant
Wer dies versucht, wird feststellen, dass es schlichtweg nicht möglich ist, nicht an den Elefanten zu denken. Je mehr man ihn unterdrücken will, desto öfters denkt man an ihn. Der Versuch, Sorgengedanken zu unterdrücken funktioniert nicht und führt im Gegenteil zu noch mehr Sorgen.
Da es also unmöglich ist, Sorgen einfach abzuschalten, versuchen die betroffenen Personen, mit ihren Sorgen zu Rande zu kommen, sich durch Grübeln über die Sorgen zu beruhigen und sie aufzulösen. Das klingt zuerst einmal sehr sinnvoll und plausibel. Warum kommen Menschen mit generalisierter Angst dann aber, obwohl sie sich so ausführlich und langanhaltend mit ihren Sorgen und Ängsten beschäftigen, trotzdem nicht davon los? Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die Art und Weise, wie die betreffenden Personen sich mit den Sorgen auseinandersetzen, die Sorgen am Laufen hält.
Der Hautgrund liegt darin, dass die Sorgen nicht zu Ende gedacht werden. Sorgen laufen meist in Form von Gedankenketten ("inneres Selbstgespräch") ab. Die Betroffenen stellen sich die schlimmsten Katastrophen kurz vor, springen dann aber bei ersten Anzeichen von Angst schnell zu weiteren Sorgen und Abzweigungen in ihrer Gedankenkette weiter, ohne sie sich im Einzelnen genauer anzuschauen. Außerdem stellen sie sich vorwiegend Gedanken und keine Bilder vor, um eine gewisse emotionale Distanz zu bewahren.
Durch diese Strategien kann die Angst kurzfristig mehr oder weniger unter Kontrolle gehalten werden und "kocht nicht hoch". Der ganze Vorgang kostet viel Energie und führt der für die ge-neralisierte Angsterkrankung typischen körperlichen Anspannung. Dadurch, dass die Sorgen nicht zu Ende gedacht werden, werden sie langfristig nicht verarbeitet und können in der nächs-ten sorgenrelevanten Situation erneut aktiviert werden.
Arbeitsgemeinschaft für Verhaltensmodifikation - AVM, Paris-Lodron-Straße 32, 5020 Salzburg, Österreich