Die Angst vor Krankheiten
Unerklärliche körperliche Beschwerden, Schmerzen oder das Warten auf einen Befund, der möglicherweise ein bösartiges Ergebnis zeigt, können bei Menschen natürlicherweise Ängste auslösen. Diese Ängste sind vorübergehend und verschwinden in der Regel, wenn sich Menschen ihre Beschwerden oder Schmerzen erklären können und/oder eine entsprechende medizinische Behandlung eingeleitet wird. In solchen vorübergehenden Belastungssituationen ist es völlig normal, mit Krankheitsängsten zu reagieren.
Es ist auch normal, wenn eine bereits bestehende organische Erkrankung vorübergehend weitere Krankheitsbefürchtungen auslöst. Wenn Krankheitsängste und körperliche Symptome nicht abklingen und mindestens über ein halbes Jahr bestehen bleiben, dann macht Angst krank und kann sich beeinträchtigend auf das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen auswirken.
Was ist krankheitsängstliches Verhalten?
Unter Hypochondrie oder Krankheitsangst versteht man ausgeprägte Angst und die Überzeugung, an einer schweren körperlichen Erkrankung zu leiden, die entweder in Form von Siechtum verläuft oder zum Tod führt. Hypochondrische Patienten beschäftigen sich übertrieben mit einer oder mehreren befürchteten schweren körperlichen Erkrankungen.
Diese ungerechtfertigte Angst bleibt trotz ärztlicher Rückversicherungen bestehen.
Diese Beschäftigung mit Krankheitsängsten kann auf Körperfunktionen bezogen sein (z.B. Verdauung), auf körperliche Bagatellbeschwerden (z.B. kleine Wunde) oder auf vage und mehrdeutige Empfindungen (z.B. "müdes" Herz oder "Ameisenlaufen" am Hinterkopf).
Es kann aber auch vorkommen, dass die Angst vor einer Erkrankung ohne körperliche Beschwerden oder Missempfindungen auftritt und sozusagen auf die Zukunft gerichtet ist.
Das übermäßige Beschäftigtsein mit körperlichen Veränderungen oder Auffälligkeiten führt zu einer ausgeprägten Einbuße in der Lebensqualität.
Die Sorge um die Erkrankung ist das Leitthema des betroffenen Menschen und wird zum zentralen Merkmal des Selbstbilds und ein ständiges Gesprächsthema.
Nicht selten reagieren krankheitsängstliche Menschen vermehrt mit Schonhaltungen und Rückzugsverhalten gegenüber Anstrengungen und Belastungen. Dadurch werden sie mit der Zeit empfindlicher und intoleranter gegenüber Stressbelastungen. Gleichzeitig fühlen sie sich aber immer kränker.
Der Umstand, dass die körperlichen Beschwerden und Krankheitsbefürchtungen organisch nicht erklärbar sind, ist für viele Patienten unerträglich und macht sie hilflos: Hypochonder leiden daher häufig an depressiven Störungen und/oder zusätzlichen anderen Angststörungen.
Der Umstand, dass körperliche Symptome beschrieben werden, die mehr oder weniger häufig auftreten und sich nicht bessern, erschwert den Betroffenen, psychologische Faktoren am Krankheitsgeschehen anzuerkennen. Im Gegenteil: Gerade die andauernde unerklärliche körperliche Problematik lässt sie überzeugt sein, schwer krank zu sein. In der Regel fühlen sich krankheitsängstliche Menschen von anderen als eingebildete Kranke missverstanden.
Beispiel Frau P.
Fr. P. ist 55 Jahre alt. Vor 12 Jahren wurde bei ihrer Mutter eine chronische Lungenerkrankung festgestellt, die bis auf den natürlichen Alterungsprozess unverändert stabil verläuft. Fr. P. ist aufgrund eines unklaren Lungenbefunds ihrerseits, der bei einer Routineuntersuchung einmalig festgestellt wurde, sehr verunsichert und ängstlich. Das Organ Lunge ist in das Zentrum ihrer Aufmerksamkeit gerückt und wird ständig auf Veränderungen hin kontrolliert: So achtet sie auf die Schleimkonsistenz beim Husten oder auf die Geräusche beim Husten und zeigt sich besonders beunruhigt, wenn sie Schmerzen im Brustkorb verspürt. Kleinste Veränderungen werden wahrgenommen und im Sinne einer chronischen Erkrankung wie bei der Mutter interpretiert.
Bei körperlichen Anstrengungen schont sich Fr. P. mittlerweile, um sich nicht übermäßig zu belasten oder den Körper unnötigerweise zu strapazieren. Am Beispiel der Mutter sieht sie, wie körperliche Belastung Atembeschwerden auslösen können, die sie sich dramatisch ausmalt und um jeden Preis vermeiden möchte. Der Hausarzt ist mittlerweile gegenüber der Problematik von Fr.P. hilflos: Trotz zahlreicher Untersuchungen, die eine organische Erkrankung ausgeschlossen haben, ist Fr.P beunruhigt und kann ihrem Arzt nicht mehr glauben. Er bemerkt eine vorwurfsvolle und misstrauische Haltung seiner Patientin ihm gegenüber
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