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Es gibt zurzeit eine ganze Reihe verschiedener Zugänge, wie Forscher versuchen, die Entstehung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zu erklären. Entsprechend gibt es auch eine Reihe verschiedener Therapievorschläge bei BPS. Bis vor wenigen Jahren waren aber die durchgeführten Untersuchungen zur Wirksamkeit dieser Methoden ziemlich enttäuschend. Für die betroffenen Personen hieß es daher bisher immer nur: eine nachhaltige Linderung des Leidens durch Psychotherapie ist nicht bzw. kaum möglich.
Allerdings gibt es seit einigen Jahren erfreulicherweise ein verhaltenstherapeutisches Behandlungskonzept, das sich in wissenschaftlichen Studien als wirksam erwiesen hat. Diese Behandlungsmethode nennt sich "Dialektische Verhaltenstherapie bei Borderline-Persönlichkeitsstörung" (DVT; Linehan, 1996a, 1996b) und wird auf der Seite Wie behandelt man eine Borderline-Störung? genauer beschrieben. Auf dieser Seite möchte ich schildern, wie die Entstehung einer BPS in der Dialektischen Verhaltenstherapie erklärt wird. Ich werde von den Betroffenen auch immer wieder in der weiblichen Form schreiben, weil der überwiegende Teil der unter BPS leidenden Personen aus Frauen besteht.
Sehr starke Emotionen von Geburt an
In der Dialektischen Verhaltenstherapie sieht man als eines der zentralen Probleme von BPS eine Veranlagung zu sehr starke Emotionen an. Diese Veranlagung besteht sehr wahrscheinlich bereits von Geburt an. Die betroffenen Personen erleben negative Gefühle wie Traurigkeit, Angst, Schuld, Scham, Ärger und Eifersucht (aber auch positive Gefühle wie Stolz, Freude, Liebe) sehr viel stärker als es die meisten anderen Menschen. Wenn Gefühle einmal da sind, dann beruhigen sich diese Personen auch langsamer als andere Personen. Diese emotionale Verletzlichkeit kann man also nicht als eine "Störung" im eigentlichen Sinn betrachten, die behandeln und beseitigen muss, sondern sie sind ein Faktor, den man nicht verändern kann. Man kann und muss jedoch damit umgehen lernen!
Starke Gefühle sind grundsätzlich nichts Negatives. Im Gegenteil beschreiben BPS-Patientinnen ihr Leben immer wieder als chaotisch, aber abwechslungsreich, intensiv und stürmisch. Vor allem starke positive Gefühle geben einem unvergleichliche Hochs und intensive Beziehungen. Leider sind diese Hochs immer viel zu kurz, die Kehrseite der Medaille ist umso belastender. Massive Traurigkeit, Panik, Ärger und Hass, Schuld- und Schamgefühle belasten die Betroffenen und ihr Umfeld. Man fühlt sich seinen Emotionen häufig hilflos ausgeliefert.
Starke Gefühle sind für jeden Menschen nur zum Teil kontrollierbar. Wir alle kennen Situationen, in denen die Gefühle mit uns durchgegangen sind. Viel schwieriger noch ist die Situation für Kinder, die mit dieser starken Emotionalität geboren wurden. Sie erleben immer wieder äußerst heftige Gefühle, die sie nicht verstehen können. Die starke angeborene Emotionalität bringt es damit gleichzeitig mit sich, dass BPS-Patientinnen immer schon größere Schwierigkeiten hatten und haben, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.
Die anderen verstehen diese starken Gefühle nicht - "invalidierende Umwelt"
Wie lernt ein Kind Kontrolle über seine Gefühle? Wie lernt ein Kind überhaupt, was Angst ist, oder Traurigkeit, oder Ärger? In der Regel sind es die Eltern, die ihren Kindern sagen, welche Emotionen sie gerade erleben. Wenn ein Kind sich vor einem Fremden fürchtet, teilen ihm die Eltern mit, dass es keine Angst zu haben braucht, beruhigen es, indem sie den Abstand zur Person vergrößern oder das Kind hochnehmen, um ihm Sicherheit zu vermitteln. Sie geben dem Kind Zeit, um sich an die Situation zu gewöhnen und die Angst langsam zu verlieren und vieles mehr.
Wenn ein Kind sich lauthals ärgert, weil das Spielen zu Ende ist und das Zu-Bett-gehen bevorsteht, können die Eltern dieses Verhalten entsprechend als Ärger einordnen, sie verstehen, warum das Kind sich ärgert, und versuchen oft, es abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen, damit es sich beruhigt.
Die Eltern interpretieren also den Gesichtsausdruck des Kindes, sein Verhalten und die Situation, in der das Ganze stattgefunden hat als eine für das Kind ägerliche Situation und geben entsprechende Rückmeldungen bzw. bieten Methoden an, wie man mit diesen Gefühlen umgehen kann. Als Eltern sind sie natürlich gleichzeitig auch die wichtigsten Vorbilder im Umgang mit Gefühlen.
Allerdings gibt es häufig Familiensituationen, in denen die Eltern selbst erheblich belastet oder psychisch beeinträchtigt sind und aus diesen Gründen nicht angemessen auf die kindlichen Gefühle eingehen können. Das passiert bereits in gesunden Familien relativ häufig. Umso schwieriger ist die Situation, wenn die Eltern selbst belastet sind und ein Kind mit einer intensiven Emotionalität erziehen, die die Eltern wegen ihrer Stärke nicht mehr nachvollziehen und verstehen können. Hier reagieren die Eltern oder andere Bezugspersonen häufig mit Unverständnis.
Diese Unverständnis den kindlichen (und später den erwachsenen) Gefühlen gegenüber wurde in der DVT als "invalidierende Umwelt" bezeichnet. Wenn Eltern die Gefühle ihrer Kinder einordnen können, teilen sie ihren Kindern damit mit: "Ich verstehe, warum du ängstlich/ärgerlich/traurig bist. Das ist nicht verwunderlich, sondern ganz normal." Sie erklären die Gefühle ihrer Kinder für gültig, sie "validieren" sie. Drücken sie jedoch Unverständis aus, bekommt das Kind die Rückmeldung: "Ich habe keine Ahnung (oder es interessiert mich nicht), was in dir vorgeht, deine Reaktionen sind völlig unverständlich (oder sind mir völlig egal)."
Beispiele für invalidierende Rückmeldungen an die Kinder (und später auch an die Erwachsenen) gibt es viele:
"Reiss dich zusammen!"
"Wage es ja nicht zu weinen!"
"Du bist hysterisch!"
"Du solltest mir eigentlich dankbar sein, dass ich mit dir lerne!"
"Du bist wütend, gibst es aber nicht zu!"
Reaktionen dieser Art gibt es immer wieder in jeder Familie. Wenn jedoch Kinder eine sehr starke emotionale Verletzlichkeit besitzen, deshalb häufig Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle zu regulieren, und dann auch noch sehr häufig Unverständnis für ihre Reaktionen ernten, kann dies nachhaltige Konsequenzen haben (siehe die folgende Abbildung).

Menschen mit diesen Schwierigkeiten sind in ihrem Verhalten häufig impulsiv und wechselhaft, sie haben häufig Schwierigkeiten in ihren Beziehungen und erleben auch sich selbst je nach Stimmung sehr unterschiedlich (d.h. sie haben ein instabiles Selbstbild: einmal fühle ich mich als ein guter und wertvoller Mensch, 10 Minuten später betrachte ich mich voller Abscheu und Verachtung).
Traumatische Erfahrungen
Einige der schlimmsten invalidierenden Erfahrungen, die Kinder machen können, sind traumatische Erfahrungen wie körperliche Misshandlung oder sexueller Missbrauch. Wenn Eltern ihre Kinder immer wieder schlagen, völlig unberechenbar und ungerecht schwer bestrafen, wenn ein Elternteil oder ein Angehöriger das Kind sexuell missbraucht, dann teilen diese Erfahrungen dem Kind so deutlich wie nur möglich mit: "Es interessiert mich nicht, was du dabei empfindest, du tust, was ich dir sage!".
Aber auch schwere Verlusterlebnisse wie der Tod eines geliebten Elternteils und fehlende emotionale Unterstützung in dieser Zeit sind Beispiele für schwer belastende Erlebnisse von Personen mit BPS. Wenn etwa eine Mutter sich ohne einen für das Kind nachvollziehbaren Grund von ihm trennt (z.B. Scheidung und Beginn einer neuen Beziehung, wobei Geschwister "aufgeteilt" werden), kann dies neben dem starken seelischen Schmerz zu einer großen Verunsicherung führen, was ich denn als Kind falsch gemacht habe, wenn ich von der Mutter getrennt werde. Bin ich ein schlechter Mensch oder böse und habe diese Behandlung verdient? Leider suchen Kinder meistens die Schuld bei sich selbst.
Nicht alle, aber viele Personen mit BPS erlebten während ihres Lebens traumatische Erfahrungen. Oft treten diese sehr belastenden Erlebnisse sogar wiederholt auf (z.B. mehrfache Vergewaltigung bzw. Missbrauch). Sie sind ein weiterer bedeutsamer Baustein zu einem äußerst negativen Selbstbild der Betroffenen.
Diese und ähnliche Erfahrungen großer Hilflosigkeit und Machtlosigkeit angesichts sehr negativer Erlebnisse, die man nicht verhindern oder beeinflussen konnte, bleibt traumatisierten Personen oft nur das "psychische Abschalten", sich in sich zurückzuziehen und sich emotional völlig zu distanzieren. Besonders bei Personen, die an BPS leiden, können diese tranceartigen "dissoziativen" Zustände häufig auftreten. Sie sind an sich ein sehr effektiver Schutzmechanismus (wie etwa Bewusstlosigkeit bei unterträglichen Schmerzen) werden aber manchmal als unangenehm und bedrohlich wahrgenommen, wenn sie zu lange dauern.
Folgen starker Emotionalität in einer invalidierenden Umwelt
Personen mit BPS leiden also seit ihrer Kindheit an sehr starken Emotionen, die sie nur schwer regulieren können. Das Umfeld reagiert häufig verständnislos und macht die ohnehin schwierige Aufgabe dieser Kinder noch komplizierter. Welche Folgen resultieren bei den Betroffenen aus dieser oft jahrelangen Belastung? Sie befinden sich häufig in einem Dilemma, das sie zwischen zwei Extremen hin und her schwanken lassen:
Glaube ich meinen Gefühlen oder den anderen?
Wenn BPS-Patientinnen starke negative Gefühle erleben, haben sie grundsätzlich zwei Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen. Entweder sie glauben ihren eigenen Gefühlen und müssen akzeptieren, dass ihr Leben, ihre Partnerschaft, ihre Beziehung zu den Eltern oder Freunden etc. alles andere als gut ist. Sie empfinden möglicherweise tiefe Traurigkeit und Zorn über das Verhalten ihrer Eltern oder anderer Personen, denen sie vertraut hatten. Ihre Schwierigkeiten in der Gefühlskontrolle zeigen sich dann in Zornausbrüchen oder tiefen Depressionen.
Oder sie glauben den Aussagen ihres Umfelds (also dem Partner, den Eltern, Freunden und Bekannten), das ihnen immer wieder mitgeteilt hat, ihre Gefühle wären nicht angemessen, hysterisch, übertrieben, falsch. In diesem Fall empfinden sie häufig Schuld- und Schamgefühle, Selbsthass und Abscheu der eigenen Person gegenüber. Sie möchten sich unbedingt ändern und vermitteln sich selbst und andern eine (unrealistisch) große Entschlossenheit und Sicherheit, sich auch verändern zu können.
Soll ich andere dazu bringen, mir in meiner Hilflosigkeit zu helfen,
oder versuche ich, mir selbst
zu helfen?
BPS-Patientinnen haben häufig die klare Erwartung, dass andere ihnen klare Lösungen für ihre Probleme geben können. Damit verbunden gehen sie selbst an ein Problem mit Hilflosigkeit und Passivität heran. Sie verlassen sich auf dies anderen und empfinden daher oft eine sehr große Abhängigkeit von diesen Menschen bzw. überlasten sie (in der Regel Partner oder Eltern) damit völlig. Die Bezugspersonen reagieren immer wieder erschöpft oder aggressiv, was die Angst, irgendwann endgültig verlassen zu werden, immer aufs Neue schürt.
Wenn BPS-PatientInnen andererseits ihre Gefühle zu gewissen Zeiten gut unterdrücken können und sich selbst ändern möchten, erleben sie hier neuen Aufschwung, Ehrgeiz und Interesse und wirken manchmal täuschend kompetent und sicher. Sie zeigen ihre Gefühle nicht, auch wenn sie sich in einer belastenden Situation befinden. Sie erwarten viel zu viel von sich selbst und sind dann umso mehr enttäuscht, wenn diese spontanen Ziele nicht erreicht werden. Die "scheinbare Kompetenz" im Umgang mit Problemen und Schwierigkeiten hält meistens nur kurz an. Die Stimmungsschwankungen reißen die Selbstsicherheit schnell wieder ein, und die Betroffenen fallen wieder in die Hilflosigkeit zurück. Außerdem verhindert das Unterdrücken von Gefühlen die Bewältigung lang anstehender Probleme. Wenn ich meinen Ärger oder meine Traurigkeit angesichts belastender Umstände nicht ausdrücken kann, werden die Belastungen weitergehen bzw. bekommen ich niemals die angemessene Hilfe von anderen.
Selbstschädigende Verhaltensweisen lenken kurz von negativen Gefühlen ab
Eine besonders drastische Folge der auf dieser Seite geschilderten Faktoren in der Entstehung einer BPS können massiv selbstschädigende und selbstverletzende Verhaltensweisen, Selbstmordandeutungen, -drohungen und -versuche sein. Auch vollzogener Selbstmord ist bei den betroffenen Personen erschreckend häufig (8-10%).
Selbstverletzende Verhaltensweisen treten nicht selten bei BPS auf. Sie werden immer wieder auch als "parasuizidale" Verhaltensweisen bezeichnet. Denn manche Forscher sind der Meinung, dass die Betroffenen eigentlich Selbstmord machen möchten und durch diese Selbstverletzungen einen Weg finden, diesen Wunsch irgendwie umzusetzen und doch am Leben zu bleiben. Deshalb die Bezeichnung "parasuizidal".
Jedoch empfinden viele Betroffene ihre Selbstverletzungen vielmehr als eine manchmal große Hilfe im Umgang mit ihrer Situation. Die negativen Gefühle und die endlose Belastung sind für die Betroffenen kaum auszuhalten, es ist eine unerträgliche und hoffnungslos erscheinende Situation. Aus diesem Grund unternehmen sie kurzfristig sehr wirksame, aber häufig äußerst selbstschädigende Verhaltensweisen, um sich von diesen unterträglichen Gefühlen abzulenken: es geht ihnen anschließend häufig besser, sie fühlen sich entlastet. Aus diesem Grund werden diese Verhaltensweisen nicht mehr so häufig parasuizidal, sondern in der Regel einfach als "selbstverletzendes Verhalten" oder "selbstschädigendes Verhalten" bezeichnet.
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Beispiele für selbstschädigende Verhaltensweisen:
fahren)
Verhütungsmittel mit kaum bekannten Personen u.ä.)
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Beispiele für selbstverletzende Verhaltensweisen:
nehmen (ohne sich tatsächlich umbringen zu wollen)
strangulieren) |
Man muss nicht sonderlich betonen, dass Personen, die sich in dieser Art und Weise selbst Schmerzen zufügen, extrem unter ihren negativen Gefühlen und dem Unverständnis ihrer Umgebung leiden. Die empfundene Hoffnunslosigkeit und der dringende Wunsch, Unterstützung und Hilfe von den Angehörigen zu bekommen, veranlassen manche der Betroffenen immer wieder, durch Selbstmordandeutungen, -drohungen oder sogar Selbstmordversuche Bezugspersonen zum Handeln zu bringen. Dies passiert dann in der Regel auch, die Angehörigen sind jedoch auf Dauer überfordert und reagieren im Laufe der Zeit immer abgestumpfter, manchmal sogar aggressiv, was die Lage aber nur verschärft. Eine wichtige Funktion von Selbstverletzungen ist damit die Mitteilung an andere: Ich leide furchtbar, ich brauche ganz dringend Hilfe.
Mindestens ebenso wichtig aber ist die Funktion von Selbstverletzungen, die betroffenen Personen von ihren negativen Gefühlen für eine kurze Zeit abzulenken. So leiden BPS-Patientinnen unter Umständen an unerträglichen Gefühlen der Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Eine Überdosis Tabletten oder eine Schnittwunde kann für eine gewisse Zeit sehr wirksame Ablenkung ermöglichen. Der Schmerz oder die Reaktionen der Angehörigen helfen, von dem psychischen Leid etwas Abstand zu bekommen. "Blut tut gut" ist eine häufige Feststellung von BPS-Patientinnen. Sobald sie die selbst zugefügte Wunde bluten sehen, geht es ihnen besser. Oder sie schlucken eine Überdosis Tabletten und teilen dies anschließend ihren TherapeutInnen oder Angehörigen mit. Auf diese Weise werden jedoch nicht nur negative Gefühle wie starke Traurigkeit oder Schuld wirksam beendet, auch "dissoziative Zustände" wie ein lang andauerndes Gefühl der Unwirklichkeit bzw. der Gefühlslosigkeit können durch Selbstverletzungen etwas kontrollierbarer werden.
Wenn auch Selbstverletzungen für kurze Zeit helfen können, mit sehr starken Gefühlen zurecht zu kommen, sind die gesundheitlichen Folgen häufig sehr schlimm. Und die negativen Gefühle kommen natürlich auch wieder. Langfristig sind damit die Folgen klar negativ, die kurzfristig positiven Folgen von Selbstverletzungen führen jedoch dazu, dass sich Personen mit BPS von ihren selbstverletzenden Verhaltensweisen nur schwer "trennen können".