INHALT

 

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Beispiel: Frau B.

Frau B. ist 23 Jahre alt und leidet unter BPS. Sie lebt bei ihren Eltern und hat derzeit keine Bezie-hung. Sie arbeitet als Bürokraft und ist zurzeit berufstätig, hat aber am Arbeitsplatz bereits seit geraumer Zeit immer wie-der Schwierigkeiten mit ihren KollegInnen.

Die größte Schwierigkeit von Frau B. ist ihr sehr negatives Selbstbild, das bereits bei kleinen Konflik-ten im Büro zu einer großen Belastung führt. Wenn ihr eine Kollegin einen unerklärlichen Blick zuwirft oder ansatzweise Kritik an Fau B. übt, hat sie das Gefühl, ein schlechter Mensch zu sein, schwach und verab-scheuungswürdig, jemand, der es verdient hat, de-mütigend behandelt zu werden. Sie zieht sich zurück, wenn eine andere Arbeitskollegin sie unge-recht behandelt, und lässt die Behandlung ohne Ge-genwehr über sich erge-hen. Zwar spürt sie manchmal ohnmächtige Wut, die sie kaum kon-trollieren kann, aber die-sen Zorn kann sie nicht ausdrücken. Im Gegenteil bekommt sie große Angst, dass dieser Zorn einmal durchbrechen könnte. Sie würde das ganze Büro vor den Kopf stossen. Damit würden sich möglicherwei-se wichtige Personen von ihr distanzieren, und das könnte sie erst recht kaum ertragen. Weil sie erken-nen muss, dass sie sich nicht gegen die Behand-lung dieser Person nicht wehren kann, erlebt Frau B. immer wieder massive Traurigkeit und Depres-sionen. Die Angst vor der Konfrontation und ihren Folgen macht sie hilflos und hoffnungslos. In die-sen Situationen greift sie immer wieder auf Alkohol zurück. Bei ausreichender Menge an Alkohol verliert sie schließlich immer wieder die Kontrolle über sich und fügt sich impul-siv, d.h. ohne nachzuden-ken Schnitte in den Unter-arm zu, die sie ablenken. Die Schnitte tun ihr gut und helfen ihr, sich als etwas Besonderes zu er-leben. Es geht ihr an-schließend besser.

 

 

Fertigkeitstraining in der Dialektischen Verhal-tenstherapie: Frau B.

Im Fertigkeitstraining sollten die verschiedenen Module Frau B. dabei unterstützen, diese und eine Reihe ähnlicher Prob-leme Schritt für Schritt in den Griff zu kriegen. Dabei waren für sie die Anregun-gen ihre LeidensgenossIn-nen sehr wichtig. Da sich diese Personen häufig in einer ähnlichen Situation befanden, waren ihre Anmerkungen häufig viel glaubwürdiger und hilf-reicher als die der Thera-peutInnen!

Das Training zur sozia-len Kompetenz zielt darauf ab, BPS-PatientIn-nen im Erkennen und Bewerten von zwischen-menschlichen Konflikten zu unterstützen. Unter welchen Bedingungen ist es notwendig, für meine Rechte einzutreten, ohne auf weitere Folgen Rück-sicht zu nehmen.? Unter welchen Bedingungen ist es aber sinnvoller, meinen Mund zu halten, damit ich ein sehr wichtiges Ziel erreichen kann? Wie kann ich versuchen, meine Wünsche und Forderun-gen vorzubringen, ohne gleichzeitig eine unkontrol-lierbare Auseinanderset-zung vom Zaun zu bre-chen? Wann ist der rich-tige Zeitpunkt dafür? Kann die Person mir überhaupt geben, was ich von ihr möchte? Sitzt sie am längeren Ast u.v.m.? Frau B. konnte im Fertigkeits-training lernen, schwierige Arbeitssituationen durch wiederholtes Analysieren und Rollenspiele immer flexibler zu handhaben. Sie begann, sich vorsichtig und kollegial gegen unan-gemessene Wünsche zu wehren. Resultat war nicht das befürchtete Verlassen-werden von KollegInnen. Vielmehr konnte sie ihren KollegInnen zeigen, dass sich angemessen vertei-digen kann, was ihr zuneh-mend Respekt und ange-nehmere Arbeitsbedingun-gen verschaffte.

Im Training zum Um-gang mit den eigenen Emotionen musste Frau B. zunächst wieder lernen, mehr ihren eigenen Wahr-nehmungen und Gefühlen zu trauen und diese Ge-fühle auch genau zu be-nennen. Die Angst vor dem Ärger, die Traurigkeit wegen der Angst waren seit langen Jahren völlig automatisch ablaufende Prozesse, die sie häufig nicht mehr beeinflussen konnte. Übrig blieb hier eine starke Panik in Situationen, die üblicher-weise Ärger hervorrufen würden, und Traurigkeit in Situationen, die norma-lerweise Angst hervorrufen würden. Durch genaues Analysieren von Situa-tionen, in denen Emotio-nen sehr stark sind, kon-nte Frau B. die ursprüng-lichen Emotionen wieder identifizieren und damit das "eigentliche Problem" erst erkennen und darauf reagieren!

Das Training zur Stress-bewältigung und Krisen-strategien wurde schließlich immer wieder in jenen Situationen hilfreich, in denen Frau B. durch Auseinandersetzun-gen oder wahrgenommene Zurückweisungen sehr starke negative Emotionen und starke Impulse zu Selbstverletzungen bzw. Selbstmordgedanken erleben musste. Hier wus-ste sie sich manchmal nicht mehr zu helfen. In einer genauen Analyse der Abläufe konnte Frau B. erkennen, dass sie sich in bestimmten Situationen richtiggehend auf den Kontrollverlust vorbereitete. Ihr Alkoholkonsum war üblicherweise nicht son-derlich stark. In Zeiten emotionaler Krisen jedoch begann sie regelmäßig, mehr zu trinken und sich damit für die Selbstver-letzungen Mut zu machen. In diesen Situationen zog sie sich auch von allen wichtigen Bezugspersonen zurück, um sich ganz ihren negativen Gedanken hinzugeben. Die negativen Gefühle wurden dadurch immer stärker. In diesem Modul wurden Schritt für Schritt verschiedenste Ablenkungsstrategien und Hilfestellungen durch andere Personen auspro-biert und überprüft, was Frau B. in dieser Situation tatsächlich auf andere Gedanken bringen konnte. Eine für Frau B. über-raschend wirksame Strate-gie war das Zulassen von Traurigkeit. Wenn es Frau B. gelang zu weinen, stellt sie fest, dass die starke Traurigkeit nach einiger Zeit nachließ. Sie fühlte sich dann besser, ohne sich selbst verletzt zu haben. Eine andere wich-tige Hilfestellung war das Angebot einer Freundin, sie in diesen Situationen zum Joggen abzuholen. Dazu musste jedoch zu-nächst daran gearbeitet werden, dass sich Frau B. in diesen Situationen an ihre Freundin wenden würde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Institut

 

Wie behandelt man eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS)?

Einer der ganz wenigen Behandlungsansätze, die sich in der Therapie von BPS bisher (nachgewiesen) als wirkam erwiesen haben, ist die "Dialektische Verhaltenstherapie bei Borderline-Persönlichkeitsstörung" von Marsha M. Linehan. M.M. Linehan ist Psychologin an einer psychiatrischen Station in Seattle (USA), die sich speziell mit der Behandlung von Selbstverletzungen beschäftigt. Immer wieder müssen die behandelnden PsychologInnen und ÄrztInnen feststellen, dass sehr viele BPS-Patientinnen die Behandlung abbrechen. Sie wandern häufig von einer Therapie oder ärztlichen Behandlung zur nächsten, nur um diese dort nach kurzer Zeit wieder zu beenden. Umgekehrt ist auch für die TherapeutInnen die Arbeit mit BPS-Patientinnen eine manchmal deutliche Belastung, die zu Spannungen in der therapeutischen Arbeitsbeziehung werden kann. Die Abbrecherquote in der Therapie von BPS ist im Vergleich zu anderen psychischen Problemen sehr hoch.

In 20-jähriger Arbeit haben M. Linehan und ihre MitarbeiterInnen versucht herauszufinden, warum soviele Patientinnen mit BPS eine reguläre Psychotherapie häufig nicht durchhalten können. Und sie konnten viele wichtige Erkenntnisse gewinnen, wie TherapeutInnen und PatientInnen zusammenarbeiten müssen, damit eine Therapie tatsächlich Linderung für das oft unerträgliche Leid der Betroffenen bringen kann. Resultat ist die "Dialektische Verhaltenstherapie", ein manchmal sehr streng wirkendes Behandlungsmodell, in dem es von Beginn an einige klare Regeln gibt (siehe unten). Viele Elemente der Behandlung leiten sich direkt aus dem Erklärungsmodell ab, dass auf der Seite Wie erklärt man eine Borderline-Persönlichkeitsstörung? dargestellt ist. Da das Behandlungskonzept sehr umfangreich ist, können hier nur die wichtigsten Punkte kurz angerissen werden.

 

Ausbalancieren zwischen Verändern und Akzeptieren

Da BPS-PatientInnen seit langer Zeit unter starken Emotionen leiden und in ihrer Umgebung sehr viel Unverständnis gefunden haben ("invalidierende Umgebung"), schwanken sie zwischen den beiden Extremen hin und her, entweder ihren eigenen Gefühlen oder der Meinung der anderen Personen Glauben zu schenken. Mal haben sie das Eindruck, dass ihre starken negativen Gefühle sehr wohl ihren guten Grund haben und sind verzweifelt über ihre belastende Situation, mal schließen sie sich der negativen Meinung ihrer Umgebung an (wenn diese z.B. meint, man wäre "hysterisch" oder "man solle sich zusammenreißen") und werten sich dann selbst als "schwach" oder "schlecht" ab.

In der DVT versuchen TherapeutInnen, dieser Entwicklung entgegen zu arbeiten, indem sie gemeinsam mit den PatientInnen immer wieder den wahren Kern in ihren Gefühlen suchen und auch finden. Sie versuchen, der invalidierenden Umgebung entgegen zu wirken und unterstützen die PatientInnen dabei, ihre Gefühle klar zu erkennen und ihnen wieder mehr zu trauen. Wenn also die Betroffenen starken Ärger oder starke Traurigkeit und Depression spüren, helfen TherapeutInnen ihnen, diese Gefühle wieder als angemessen und zutreffend zu akzeptieren. Das ist einerseits immer wieder eine Bestätigung und Beruhigung für die PatientInnen, die viele, viele Male das Gegenteil erfahren haben. Andererseits müssen sie natürlich eine sehr negative Realität anerkennen und akzeptieren lernen. Sie müssen möglicherweise akzeptieren, dass wichtige Personen aus ihrer Überlastung heraus häufig Fehler machen, diese jedoch nur menschlich sind, dass sie ungerecht behandelt werden, Ungerechtigkeit jedoch zum Leben gehört und manchmal ertragen werden muss und Ähnliches mehr. Diese Erfahrung ist für BPS-PatientInnen sehr schmerzhaft, manchmal kaum auszuhalten. Und auch wenn sie für diese Entwicklung nicht die Verantwortung tragen, müssen sie selbst für sich einen Weg heraus aus dem Problem finden, obwohl sie oft am Ende ihrer Kräfte sind.

Einfach akzeptieren zu müssen, dass das eigene Leben äußerst belastend ist, ohne gleichzeitig einen Weg aus der Belastung heraus zu sehen, wäre für jeden Menschen extrem deprimierend. Selbstverständlich ist der zweite wichtige Teil der Behandlung in der DVT der Aufbau von Fertigkeiten (siehe unten), die den PatientInnen im Laufe der Zeit ermöglichen sollen, Belastungen zu verändern und zu bewältigen. So können nach und nach Ausgeglichenheit und Lebensqualität aufgebaut werden. Dies ist normaler Bestandteil jeder Verhaltenstherapie. Viel mehr jedoch als bei anderen Problemen wird in der Dialektischen Verhaltenstherapie von BPS Wert darauf gelegt, nicht nur an Veränderungen zu arbeiten.

Es wird versucht, eine Balance zu finden zwischen dem Akzeptieren der eigenen Gefühle (und damit dem Akzeptieren einer negativen Realität) und dem Aufbau von Fertigkeiten (und damit von Veränderung). Ein alleiniger Fokus auf Veränderung würde BPS-PatientInnen indirekt wieder mitteilen, dass sie selbst sich nur zu ändern bräuchten, dann ist alles wieder in Ordnung. Diese Mitteilung kennen die Betroffenen nur zu gut: ihre Gefühle sind falsch, sie reagieren falsch, sie werden aufgefordert, sich zusammenzureißen.

 

Parallele Einzeltherapie und Gruppentherapie

Eine Dialektische Verhaltenstherapie bei BPS dauert wenigstens 1 Jahr, in der Regel länger. Wegen des Schweregrads der Probleme und wegen des extrem hohen Leidensdrucks, ist im Behandlungskonzept der DVT während dieses ersten Jahres sowohl eine wöchentliche Sitzung Einzeltherapie als auch eine Sitzung Gruppentherapie (1.5 bis 2 Stunden) vorgesehen. Zum jetzigen Zeitpunkt stellt es jedoch einen außerordentlichen Glücksfall dar, wenn diese optimalen Bedingungen vorhanden sind. Denn auch wenn eine TherapeutIn mit DVT-Kenntnissen verfügbar sein sollte, gibt es meistens keine DVT-Gruppe vor Ort, die Fertigkeiten müssen dann (so gut es geht) zusätzlich in der Einzeltherapie erarbeitet werden. Und das ist nicht einfach. Im Folgenden werden zunächst die Inhalte des Fertigkeitstrainings geschildert.

 

  Fertigkeitstraining in der Gruppe (während des ersten Jahres)

Die Gruppe wird in der Regel von zwei TherapeutInnen geführt, die sich in der Leitung immer wieder abwechseln. Die Größe der Gruppe bewegt sich zwischen 4 und maximal 8 Personen. Die Treffen dauern zwischen 1.5 und 2 Stunden und werden wöchentlich durchgeführt.

Das Fertigkeitstraining wird parallel zur Einzeltherapie durchgeführt, weil in der Einzeltherapie die vielen (und häufig schnell wechselnden) Belastungen von BPS-PatientInnen besprochen werden müssen. Und selbst in der Einzeltherapie ist hier häufig die Zeit sehr knapp. Um das Erlernen von neuen Fertigkeiten gezielt vorantreiben zu können, wird in der DVT Einzeltherapie und Fertigkeitstraining gesondert abgehalten.

 

Im DVT-Fertigkeitstraining werden insgesamt vier verschiedene Bausteine bearbeitet. Diese Bausteine (oder "Module") dauern durchschnittlich 8 Wochen. Wenn eine Patientin im ersten Jahr am Fertigkeitstraining teilnimmt, hört sie jedes dieser Module zwei Mal. Diese Module sind:

      Soziales Kompetenztraining (8 Wochen)

Im Kompetenztraining werden Verhaltensweisen vermittelt, die den Betroffenen helfen können, in ihren schwierigen und häufig wechselhaften zwischenmenschlichen Beziehungen effektiver und selbstsicherer zu werden. BPS-PatientInnen schwanken häufig zwischen absoluter Gefühlsunterdrückung auch bei sehr starken Belastungen einerseits und für die Umgebung völlig unerwarteten Gefühlsausbrüchen bei Uberlastung andererseits. Das Kompetenztraining dient dazu, rechtzeitig seine Gefühle auszudrücken, um Belastungen zu begegnen (z.B. in angemessener Form seinen Ärger ausdrücken, wenn ich unfair behandelt werde) und zu reduzieren. Damit kann der Druck durch die eigenen Gefühle und durch die belastende Umgebung langsam weniger werden.

      Stresstoleranz und Krisenstrategien (8 Wochen)

Gerade zu Beginn der DVT kommen die PatientInnen nach wie vor immer wieder in Krisensituationen. So schnell kann eine Besserung nicht erreicht werden, daher müssen die Betroffenen lernen, negative Gefühle und Situationen nicht nur zu tolerieren, sondern als Teil des Lebens zu akzeptieren und einen Sinn darin finden. Dieses Akzeptieren von Belastungen ist häufig der einfachere (und weniger belastende) Weg, mit Belastungen umzugehen, die man zurzeit nicht verändern kann. Endlos dagegen anzukämpfen, nur um hilflos festzustellen, dass man sie nicht verändern kann, macht deprimiert und verzweifelt. Fertigkeiten, die hier vermittelt werden, beziehen sich also auf das Aushalten und Annehmen von negativen Gefühlen. Gleichzeitig können diese Gefühle Betroffene immer wieder überfordern, und dann ist es wichtig, wenigstens kurzfristig Ablenkungsstrategien zu haben. BPS-PatientInnen haben hier sehr effektive, aber sehr gesundheitsschädliche Strategien: die Selbstverletzungen und das "parasuizidale Verhalten" (Selbstmordandeutungen und -versuche). Ziel in diesem Modul ist es, hierzu Alternativen zu erarbeiten, die mit zunehmender Übung diese Rolle übernehmen können.

      Umgang mit den eigenen Emotionen (8 Wochen)

Ein sehr wichtiges Modul ist schließlich ein "Emotionstraining", in dem die PatientInnen ihre Gefühle gemeinsam mit den anderen Gruppenmitgliedern wieder wahrnehmen, zuordnen und verstehen lernen. Durch die vielen widersprüchlichen Erfahrungen, die die Betroffenen mit ihrem Umfeld gemacht haben, haben sie das Vertrauen und die Sicherheit in ihre eigenen emotionalen Erfahrungen verloren. In diesem Modul werden die verschiedenen Facetten von Emotionen wie Angst, Ärger, Traurigkeit, Schuld, Scham, Freude, Liebe etc. besprochen. Zu einer Emotion wie Ärger gehören bestimmte Auslösesituationen, Gedanken, körperliche Empfindungen, Verhaltensweisen, Gesichtsausdruck etc. Häufig können BPS-PatientInnen ihre Gefühle nicht mehr richtig zuordnen, sie wissen nicht mehr, ob sie Angst oder Ärger erleben sollen, ob sie Traurigkeit oder Schuld empfinden (hier haben übrigens nicht wenige gesunde Personen ebenfalls immer wieder ihre Schwierigkeiten). Außerdem werden die ursprünglichen Emotionen häufig sehr schnell durch andere Emotionen überlagert. Wenn ich eigentlich Ärger empfinde, jedoch befürchte, von meinem Partner verlassen zu werden, reagiere ich möglicherweise mit Panik in dieser Situation. Diese Reaktion ist dann manchmal schon so automatisch, dass ich den Ärger überhaupt nicht mehr richtig wahrnehmen kann. Übrig bleibt die Panik in Situationen, die eigentlich ärgerlich sind. Weitere Möglichkeiten für derartige Reaktionen sind Schuld wegen meinem Ärger, Ärger über meine Angst, Angst vor der Traurigkeit, Traurigkeit wegen meinen Schuldgefühlen und viele mehr. Ziel ist es hier, die ursprüngliche Emotion wiederzufinden, um die Belastung klar auf den Tisch zu bringen. Erst dann können die Betroffenen ein Lösung finden, die wirklich helfen kann.

      Entspannung und "innere Achtsamkeit" (2-3 Wochen)

Schließlich ist das letzte Modul ein kurzes Modul, das Entspannung und Meditationstechniken vermittelt. Diese Übungen zur "inneren Achtsamkeit" sollen den PatientInnen zunehmend ermöglichen, in belastenden Situationen ruhig zu bleiben. Häufig reagieren die Betroffenen impulsiv und ohne Rücksicht auf negative Konsequenzen (z.B. die vorschnelle Kündigung eines Jobs bei einer Demütigung). Die innere Achtsamkeit soll helfen, diesen impulsiven Verhaltensweisen abzubauen und "Zeit zu gewinnen"

 

 

  Parallele Einzeltherapie

In der Einzeltherapie, die im ersten Jahr parallel zum Fertigkeitstraining durchgeführt und anschließend an dieses Jahr mit wöchentlichen Treffen fortgesetzt wird, sollen die Fertigkeiten aus dem Gruppentraining in die Praxis umgesetzt werden. BPS-PatientInnen haben viele zwischenmenschliche und emotionale Krisen und Schwierigkeiten. Immer wieder werden die Fertigkeiten im zwischenmenschlichen Umgang, im Umgang mit den eigenen Gefühlen und mit Krisen auf die aktuellen Proleme übertragen. Diese Probleme wechseln häufig, und die Situation einer BPS-PatientIn ist von einer Woche auf die nächste manchmal scheinbar nicht wiederzuerkennen. Das grundlegende Problem der emotionalen Schwierigkeiten zieht sich jedoch wie ein roter Faden sehr konstant durch all die wechselnden Verhältnisse.

Bei all der Wechselhaftigkeit und dem Tempo der Veränderungen im Leben von BPS-PatientInnen wird auch in der Einzeltherapie eine klare Abfolge von Behandlungszielen verfolgt, die in hinsichtlich ihrer Wichtigkeit gereiht sind. Die Therapie zielt immer auf jene Themen ab, die in der Rangfolge weiter oben stehen:

      Suizidales Verhalten wie Selbstmordversuche, Selbstverletzungen,

          Selbstmorddrohungen und -andeutungen, Selbstmordgedanken und -impulse. Wenn

          sich jemand umbringt oder in irgendeiner anderen Art und Weise gesundheitlich

          schwer schädigt, kann er nicht in die Therapie kommen und Fortschritte machen!

          Diese Verhaltensweisen müssen natürlich immer zuerst behandelt werden!

      Therapiegefährdende Verhaltensweisen, d.h.Verhaltensweisen der PatientIn

          oder der TherapeutIn, die den Fortbestand der Therapie gefährden (z.B. sehr

          aggressives oder für die andere Seite sehr belastendes Verhalten) oder fehlender

          Fortschritt in der Therapie. Wenn TherapeutIn und PatientIn nicht gut

          zusammenarbeiten können, müssen sie wieder einen Weg finden, die

          Schwierigkeiten in der Arbeitsbeziehung zu regeln, damit die Therapie weitergehen

          kann. Dabei müssen sowohl die TherapeutIn als auch die PatientIn sich

          bemühen, dass der jeweils andere nach wie vor an einer Zusammenarbeit interessiert

          ist!

      Verhaltensweisen, die die Lebensqualität einschränken, z.B.

          Verhaltensweisen, die zu unmittelbaren Krisensituationen führen (z.B.

          Alkoholkonsum, der zu Selbstverletzungen führt). Hier werden leicht zu verändernde

          Verhaltensweisen vor schwer zu verändernden Verhaltensweisen angepeilt.

          Außerdem sollen Verhaltensweisen verändert werden, die wichtigen Lebenzielen der

          PatientIn im Weg stehen.

      Verbesserung von Verhaltensfertigkeiten, d.h. jener Fertigkeiten, die im

          Gruppentraining vermittelt werden bzw. Fertigkeiten, die zum Erreichen wichtiger

          Lebensziele notwendig sind.

Einige weitere spezielle Vereinbarungen zu Beginn der DVT:

Anders als in anderen Therapien wird in der DVT auch mit Telefonkontakten zwischen TherapeutIn und PatientIn umgegangen. Es ist in vielen anderen Therapierichtungen nicht üblich (manchmal sogar richtiggehend verpönt), zwischen den Therapiestunden zu telefonieren. Da schwere Krisen bei BPS-PatientInnen aber nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind, bieten DVT-TherapeutInnen nach Maßgabe ihrer Möglichkeiten an, telefonisch mit ihren PatientInnen in Verbindung zu treten, wenn sie sich in einer Krise befinden und nicht mehr weiter wissen. Die TherapeutIn versucht also in bestimmten Ausnahmefällen, telefonisch zu helfen, wenn die PatientIn dies wünscht. Dies ist erforderlich, damit BPS-PatientInnen andere Lösungen als die üblichen Selbstverletzungen oder parasuizidales Verhaltensweisen einsetzen lernen. Die Telefonkontakte haben aber eben nur den Zweck, stark negative Folgen etwa einer Überdosis Tabletten oder Selbstverletzungen zu verhindern. Sollte sich eine PatientIn bereits verletzt haben und erst dann ihre TherapeutIn anrufen, ist es bereits zu spät, konkrete Hilfestellung ist nicht mehr möglich. In diesem Fall ist es für 24 Stunden nicht erlaubt, mit der TherapeutIn in Kontakt zu treten (24-Stunden-Regel).

Eine zweite wichtige Vereinbarung zu Beginn der Therapie betrifft die Einhaltung von Terminen. Da BPS-PatientInnen oft äußerst stark belastet sind und auch die Therapiesitzungen manchmal sehr anstrengend sind bzw. Angst machen, kommt es nicht selten vor, dass die Betroffenen Stunden kurzfristig absagen müssen, weil sie sich nicht im Stande sehen, mir ihren Emotionen zurecht zu kommen. Gleichzeitig kann eine PatientIn nur Fortschritte machen, wenn sie regelmäßig in die Therapie kommt um neue Fertigkeiten zu erlernen. Daher wurde in der DVT eine Regelung eingeführt, die festlegt, dass für den vereinbarten Zeitraum (d.h. in jedem Fall für das erste Jahr) das Absagen von Terminen nur unter "triftigen Gründen" möglich ist. Triftige Gründe sind hier Feiertage, Urlaub, körperliche Krankheit oder wichtige Familienfeste wie Hochzeiten, nicht aber schwere Depressionen, Angstzustände oder andere Folgen der BPS! Diese schweren Belastungen sind natürlich oft vorhanden, sie müssen aber in der Therapie behandelt werden, damit eine möglichst schnelle Linderung erreicht werden kann. Sollte daher eine PatientIn mehr als 3-4 Mal in Reihenfolge "ohne triftige Gründe" Termine absagen, wird sie für den Rest des vereinbarten Behandlungszeitraums "gesperrt", d.h. Therapie ist etwa für den Rest des vereinbarten ersten Jahres nicht mehr möglich! Nach Ablauf des Zeitraums kann jedoch eine Therapie ohne weiteres fortgesetzt werden. Auf diese Weise sollen BPS-PatientInnen unterstützt werden, Therapiesitzungen nicht zu vermeiden, sondern auch hinzugehen, wenn es besonders schwierig ist. Besonders hier können sie häufig am meisten lernen! Gleichzeitig können sie ohne Schuldgefühle 1-2 Sitzungen versäumen. Sie können sich darauf verlassen, dass die TherapeutIn ihnen keine Vorhaltungen machen wird.

In der DVT gibt es viele verschiedene Behandlungselemente, die hier nicht weiter dargestellt werden. Alle diese Elemente kommen je nach spezieller Situation einer BPS-PatientIn in unterschiedlicher Gewichtung zum Einsatz. Es ist jedoch abschließend festzuhalten, dass ein wesentlicher Bestandteil der DVT nicht nur der Aufbau von neuen Fertigkeiten ist, sondern vor allem auch bestehende Fähigkeiten und Ressourcen gestärkt oder wiederentdeckt werden sollen. So sind BPS-PatientInnen häufig sehr sensible und präzise Beobachter und haben eine ausgesprochen genaue Wahrnehmung für den Ausdruck und die Stimmungslage ihres Gegenübers. Wenn diese Fähigkeit auch häufig zu Belastungen führen kann, weil man negative Aspekte in einer Beziehung sehr schnell entdeckt, ist diese Fähigkeit natürlich auch eine wichtige Ressource im Aufbau von persönlichen Kontakten.

Es ist weiterhin sehr wichtig, dass zunächst Fertigkeiten und Ressourcen im Umgang mit den eigenen Gefühlen gestärkt werden, erst dann werden die besonders belastenden Bereiche der traumatischen Erlebnisse angesprochen. BPS-PatientInnen haben häufig wiederholte und schwere traumatische Erfahrungen gemacht (sexuelle Missbrauch, körperliche und emotionale Misshandlung, Verlusterlebnisse u.ä.). Die Auseinandersetzung mit diesen Erinnerungen kann immer wieder zu schweren Krisen, Selbstverletzungen und Selbstmordversuchen führen. Daher werden diese Themen, so wichtig sie auch sind, vorerst zurückgestellt. Sie werden häufig erst im zweiten Jahr der Behandlung intensiver aufgearbeitet.

Die DVT ist eine komplexe und vielschichtige Therapiemethode, die endlich die Hilflosigkeit von TherapeutInnen und PatientInnen im Umgang mit BPS beenden konnte. Sie wird auch im deutschsprachigen Raum zunehmend häufiger und mit Erfolg eingesetzt.