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Beispiel Stefan (9 Jahre)

Zuweisungsgrund:

Stefans Kinderarzt bittet um einen Notfalltermin bei mir, weil seine völlig ver-zweifelten Eltern nicht mehr in der Lage waren Stefan dazuzubringen in die Schule zu gehen.

Klinisch psychologische Diagnose: Hyperkine-tische Störung, mit oppo-sitionellen Trotzverhalten

Die diagnostischen Ge-spräche gestalteten sich schwierig, weil Stefans Eltern so fertig waren, dass es für sie sehr anstrengend war die Anpassung an die Gesprächsstruktur zu leis-ten. Vor allem Stefans Mutter hatte nur mehr geweint und sich ständig selbst vorgeworfen erzie-hungsunfähig und der Situation hilflos ausgeliefert zu sein.

Typischerweise wollte auch Stefan zunächst keinen Kontakt zu mir aufnehmen. Er meinte, dass ich sowieso wie alle anderen denken würde, dass er nicht ganz dicht sei und dass ich es nur darauf abgesehen habe ihn in einen Kinderknast zu stecken. Stefan konnte sich nicht ruhig halten, er war ständig in Bewegung redete sehr viel aber beantwortete meine Fragen nicht. Es kostete Zeit und Geduld alle wichtigen Informationen zusammenzutragen.

Hauptprobleme:

Frühe Verhaltensauffällig-keiten: Stefans Mutter wurde schon im Kinder-garten häufig darauf auf-merksam gemacht, dass Stefan motorisch unruhig sein würde. Beim freien Spiel keine Ausdauer haben würde und konzen-trationsschwach sei.

Aktuelle Problematik zuhause: Stefan befolgt zuhause gegenüber der Mutter keine Aufforderun-gen mehr. Z. B. Zähneput-zen, Zimmer aufräumen. Tägliches Theater beim Erledigen der Hausaufgabe und seit drei Wochen be-stehende totale Schulver-weigerung.

Aktuelle Problematik in der Schule: Oppositionel-les, leistungsverweigern-des Verhalten in der Schule. Stefan bewirft die Lehrerin mit seinen Stiften und Radiergummi. Er bringt seine Arbeiten nicht zu Ende und stört den Unterricht durch Zwischen-rufe und verlässt während der Unterrichtsstunde mehrmals seinen Platz.

Aktuelle Erziehungs-schwierigkeiten der Eltern: Negatives Interaktionsver-halten, Inkonsequenz - Stefan kann Grenzen seiner Eltern umgehen, da diese nicht fest und klar sind, sondern manchmal, gelegentlich oder vielleicht bedeuten. Die Eltern sind sich beim Setzen von Grenzen uneinig Stefan hat gelernt seine Eltern auszu-spielen. Stefans Eltern geben Anweisun-gen, aber diese nicht eindeutig und sie fordern diese auch nicht konse-quent ein.

Extreme Strafen - Spitzt sich zuhause die Situation zu, werden zu harte Stra-fen gegeben. Zuwendung bei unangemessenen Ver-halten des Kindes und übersehen von positiven Reaktionen des Kindes. Stefan ist so über uner-wünschtes Verhalten immer im Mittelpunkt des Geschehens.

Psychosoziale Belas-tungen:

Stefans Vater ist Ge-schäftsmann und deshalb oft über die ganze Woche weg. Stefans Mutter muss auch noch seine beiden jüngeren Geschwister versorgen und fühlt sich deshalb total überfordert.

 

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Institut

 

Was ist Hyperaktivität?

Zappelphilipp und Hans-Guck-in-die-Luft: Hyperkinetische Störungen

Zu den am meisten untersuchten Störungen des Kindes und Jugendalters zählen die hyperkinetischen Störungen. Sie gehören zu den häufigsten psychischen Auffälligkeiten des Kindesalters (Laucht et al.,1992).

Hyperkinetische Störungen bestehen aus mehreren Merkmalen (ICD -10, Dilling et al., 1995)

      der Aufmerksamkeitsstörung

      der Impulsivität

      der Hyperaktivität

Diese Merkmale können unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Es gibt den Mischtyp von Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen, den vorherrschend unaufmerksamen Typ und den vorherrschend hyperaktiven Typ. Das jüngere Kind kann zum Beispiel deshalb beim ausdauernden Spielverhalten beeinträchtigt sein, das ältere Kind bei der Umsetzung von normalen Alltagsaufgaben zum Beispiel in der Schule stillsitzen große Schwierigkeiten haben. Daraus ergeben sich mehrere Konfliktfelder z. B. in der Familie, in der Schule, im Umgang mit Gleichaltrigen oder im Kindergarten, die in einem Teufelskreis enden, der sich wechselseitig aktiviert und aufrechterhält.

Die Merkmale einer hyperaktiven Störungen werden folgendermaßen sichtbar:

Symptomkriterien der hyperkinetischen Störung nach ICD-10 (vgl. Döpfner et al., 1997)

Unaufmerksamkeit

      Beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den

          Schularbeiten

      Hat oft Schwierigkeiten längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder

          Spielen aufrechtzuerhalten. Scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere ihn

          ansprechen.

      Führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig durch und kann

          Schularbeiten oder andere Arbeiten nicht zu Ende bringen (nicht aufgrund von

          oppositionellen Verhalten oder Verständnisschwierigkeiten)

      Hat häufig Schwierigkeiten Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren.

      Vermeidet häufig, hat eine Abneigung gegen, oder beschäftigt sich häufig nur

          widerwillig mit Aufgaben, die längerandauernde geistige Anstrengungen

          erfordern.

      Verliert häufig Gegenstände, die er/sie für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt.

      Lässt sich oft durch äußere Reize leicht ablenken Ist bei Alltagstätigkeiten

          häufig vergesslich.

      Typisch ist, dass bei fremdbestimmten Tätigkeiten z. B. Hausaufgaben

          erledigen die Störungsmerkmale deutlicher sichtbar sind, als bei

          selbstgewählten Lieblingsbeschäftigungen.

Hyperaktivität

      Zappelt häufig mit Händen oder Füssen, oder rutscht auf dem Stuhl herum.

      Steht in der Klasse oder in anderen Situationen auf, in denen sitzen bleiben

          erwartet wird.

      Läuft häufig herum, oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies

          unpassend ist.

      Hat häufig Schwierigkeiten ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten

          ruhig zu beschäftigen.

      Ist häufig auf Achse, oder handelt oftmals als wäre er getrieben.

      Am deutlichsten zeigt sich die Hyperaktivität in Situationen, die viel eigene

          Verhaltenskontrolle erforderlich macht, z. B. im Kindergarten beim vorlesen

          einer Geschichte ruhig zuhören zu können.

Impulsivität

      Platzt häufig mit der Antwort heraus bevor die Frage zu Ende gestellt ist.

      Kann häufig nur schwer warten, bis er/sie an der Reihe ist.

      Unterbricht und stört andere häufig, platzt z. B. in Gespräche oder in Spiele

          anderer hinein.

      Redet häufig übermäßig viel, ohne angemessen auf soziale Beschränkungen

          zu reagieren.

      Ist das Merkmal der Impulsivität stark ausgeprägt, besteht die Gefahr, dass

          sich die Kinder schwer verletzen, weil sie spontan handeln und die Folgen der

          Handlung nicht berücksichtigen, z. B. einfach ohne zu schauen über die

          Straße zu laufen.

 

Insgesamt unterliegt die Störung situativen Schwankungen. In Gruppensituationen treten häufiger Symptome auf als im Einzelkontakt. Das Fehlen der Störung im Einzelkontakt bedeutet nicht, dass die Symptome nicht vorhanden sind (Döpfner u. Schmidt, 1993)

Vor allem, wenn sich die Kinder in einem strukturierten konsequent kontrollierten Rahmen befinden und sich die Betreuungsperson dem Kind verstärkt bei erwünschtem Verhalten zuwendet, können die Symptome verdeckt bleiben. Hyperkinetische Störungen haben einen kontinuierlichen Verlauf mit Beginn im Vorschulalter.

Die Kinder sind in der Entwicklung ihrer Selbstkontrolle und in der Entwicklung des Sozialverhaltens blockiert. Wegen dem chronischen Verlauf sind die Heilungschancen bei unbehandelten Kindern gering. Im ungünstigsten Fall geht die hyperkinetische Störung in eine oppositionelle Verhaltensstörung über die im Jugendalter in einer Störung des Sozialverhaltens gipfeln kann. Um solche chronischen Verläufe zu verhindern, sollte daher schon beim Auftreten erster Zeichen professioneller Hilfe in Anspruch genommen werden.

Beobachtbare Vorläufer im Säuglingsalter sind (Döpfner, 1998):

      auffälliges Schreiverhalten,

      schwieriges Temperament

      hohes Aktivitätsniveau

      leichte Reizbarkeit

Beginnt die Störung erst nach dem 7. Lebensjahr liegt meist keine echte hyperkinetische Störung vor.

Liegen hyperkinetische Symptome vor fehlt jedoch der Nachweis des frühen Beginnes und des kontinuierlichen Verlaufes muss geprüft werden, ob die hyperkinetischen Symptome nicht Folge einer:

      Schulischen Überforderung/Unterforderung sind

      Folge von Intelligenzproblemen sind oder

      durch ein soziales Umfeld mit chronischen Belastungen gegeben ist.

Ob nun tatsächlich eine hyperkinetische Störung vorliegt, wird in einer diagnostischen Phase geklärt. Es werden in mehreren Schritten auf verschiedenen Ebenen Informationen gesammelt. Für diese soll man sich genug Zeit nehmen, da nur aus der multiplen Verhaltens- und Psychodiagnostik eine zielführende Behandlung abgeleitet werden kann.

Über das gemeinsame Gespräch mit einem Psychologen werden wichtige Informationen zur Erfassung der aktuellen Problematik Zuhause in der Schule gegenüber Gleichaltrigen erhoben. Weiteres werden z. B. Fragen zur Entwicklung der Störung und zu aktuellen familiären Belastungen erörtert. Vervollständigt werden die Informationen durch Verhaltensbeobachtungen, durch Checklisten für Eltern über Verhaltensproblemen von Kindern, durch Verhaltensbeurteilungsbögen für Eltern, Lehrer und Kindergärtnerinnen.