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Wie erklärt man sich die Entstehung einer Zwangsstörung?
Wie kommt es dazu, dass zwar die meisten Menschen manchmal bestimmte Dinge nachkontrollieren, aber dass nur wenige eine Zwangsstörung entwickeln? Dass viele zwar gewisse Ängste vor Ansteckung mit Krankheiten haben, aber nur einige deshalb anfangen, sich exzessiv zu waschen? Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass 90% aller Menschen immer wieder aufdringliche Gedanken oder Bilder erleben, dies kann also als normal bezeichnet werden. Nur bei einem Teil von Personen allerdings entsteht eine Zwangsstörung mit entsprechenden Einschränkungen.
Verschiedene Faktoren spielen eine Rolle bei der Entstehung einer Zwangsstörung. Manchmal ist eine klare Auslösesituation für den Beginn der Störung zu erkennen (beispielsweise eine deutliche Veränderung der Lebensumstände durch Heirat, Trennung, Todesfall usw.), oft aber entwickeln sich die Zwänge eher "schleichend". Generell geht man von einer Verkettung von biologisch/genetischen Faktoren mit Bedingungen der Lerngeschichte und aktuellen Stressoren im Leben einer Person aus, die letztendlich zur Ausprägung einer Zwangsstörung führt.
Zusätzlich zu einer eventuell genetischen Veranlagung müssen also noch psychologische Faktoren vorliegen: Häufig sind Betroffene in einem Klima aufgewachsen, wo ihnen emotional nicht viel Sicherheit vermittelt wurde. Manchmal haben sie einschneidende Erfahrungen gemacht, die sie zu der Überzeugung gebracht haben, dass es sehr wichtig ist keine Fehler zu machen. Oder aber sie haben traumatische Erlebnisse von Verlust wichtiger Personen oder eigener Bedrohung gehabt, was sie als stark verunsichernd empfunden haben. Häufig sind sie geprägt von einer sehr starken Verantwortlichkeitsempfindung und einem hohen Leistungsanspruch.
Solche oder ähnliche Bedingungen in der Biographie - so individuell unterschiedlich sie auch sein mögen - können dazu führen, dass die Person bestimmte Gedanken anders bewertet als ein gesunder Mensch und sich deshalb -im Zusammenhang mit einem aktuellen Erlebnis oder länger andauerndem Stress - in einen Teufelskreis verstrickt, der sich selbst immer wieder stabilisiert. Dieser wird in der folgenden Graphik veranschaulicht:

Der aufdringliche Gedanke "Ist der Ofen wirklich aus?" wird als wichtig bewertet und löst deshalb Angst/Unruhe aus, die als sehr unangenehm empfunden wird. Durch Neutralisierungsverhalten (Kontrollieren) gelingt es der Person kurzfristig, diese Unruhe zu reduzieren, langfristig allerdings wird sie dadurch in der Ansicht verstärkt, dass es wichtig war, die Kontrollen durchzuführen, was insgesamt eher zu einer Verstärkung und/oder Ausweitung der aufdringlichen Gedanken führt.
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Ein Witz zur Veranschaulichung des Teufelskreises bei einer Zwangsstörung: Ein Mann sitzt in der U-Bahn und schnalzt mit den Fingern. Irgendwann kann sich die gegenübersitzende Frau nicht mehr zurückhalten und fragt: "Warum schnipsen Sie denn die ganze Zeit mit den Fingern?" Sagt der Mann: "Damit es keine rosa Elefanten regnet!". Die Frau entgegnet: "Aber es regnet doch keine rosa Elefanten!" Sagt der Mann: "Sehen Sie!" |
Zwangspatienten berichten häufig, dass sie zwar eigentlich wissen, dass ihre Befürchtungen und ihr Verhalten übertrieben sind, dass sie es aber einfach nicht lassen können, die Rituale auszuführen, weil ihnen die Angst/der Drang übermächtig erscheint und sie sich nicht anders zu helfen wissen. Das Problem bei Zwängen ist somit nicht eine reale Gefahr, die vermieden werden muss (denn hierfür reicht es im obigen Beispiel, einmal kurz auf den Ofen zu sehen), sondern der Umgang mit Angstgefühlen - nicht umsonst wird die Zwangsstörung zu den Angststörungen gerechnet.
Dies gilt im Übrigen genauso für sexuelle oder aggressive Zwangsimpulse: Betroffene deuten häufig Gedanken wie "ich könnte jemanden angreifen" oder "ich könnte ein Kind missbrauchen" als Anzeichen dafür, dass sie kurz davor stehen, eine solche Tat zu begehen (= Bewertung). In der gesamten wissenschaftlichen Literatur ist jedoch von keinem einzigen Fall bekannt, wo dies tatsächlich geschehen wäre. Im Unterschied zu wirklich aggressiven Menschen oder Pädophilen empfinden Zwangspatienten beim Auftreten solcher Gedanken keine Lust sondern Angst und bemühen sich, alles zu tun, um die Wahrscheinlichkeit einer solchen Tat zu minimieren. In Wirklichkeit besteht aber gar keine Gefahr (Gedanken sind nicht gleich Taten!) und durch ihr Vermeidungsverhalten stabilisieren Betroffene lediglich den Zwang.
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Fazit: Zwangsrituale können als ein Versuch verstanden werden, mit unangenehmen Gefühlen umzugehen und/oder ein Gefühl der Sicherheit herzustellen. Leider bewirken Zwangshandlungen diesen Effekt immer nur kurzfristig, langfristig verschlimmert sich die Symptomatik und es kommt zu erheblichen Beeinträchtigungen im Alltag. |
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