INHALT

 

Wenn Sie spezielle Fragen an uns haben, wenden Sie sich per E-Mail an

online@psychosomatik.at

 

Eine optimale Ernährung ist eine wesentliche Voraussetzung für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung, für Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Optimal bedeutet, dass die tägliche Nahrung den Ansprüchen des (wachsenden) Organismus gerecht wird und zwar hinsichtlich Menge (Energiezufuhr) und Zusammensetzung (Nährstoffzufuhr).

Essen nach biologischen Bedürfnissen bezüglich Hunger und Sättigung und bedarfsgerechter Nahrungsauswahl.

Eine aktuelle Studie vonn Sportwissenschaftlern der Universität Karlsruhe ergab, dass sechs bis zehn Jahre alte Schüler 23 Stunden pro Tag sitzen, liegen oder stehen, während sie nur 1 Stunde Pro Tag körperlich aktiv sind.

"Du siehst gut aus" wird fast als Beleidigung zumindest aber als Verunsicherung (habe ich vielleicht zugenommen?) empfunden und "Essen wird zunehmend zur Ursache für Stress und Schuldgefühle" hat der amerikanische Psychologe Paul Rozin festgestellt (GEO WISSEN, 2001, Seite 3).

Kollektives Diätverhalten - selbstverständlicher Bestandteil des Alltags - führt in weiterer Folge zu einem negativen Kreislauf von Stoffwechselumstellungen, Überschreiten der jeweiligen Diätgrenzen und nachfolgender Gewichts-zunahme sowie Beginn neuerlicher Diät etc.

 

Die Keys-Studie zur Regulation des Körpergewichts

Von besonderer Bedeu-tung für die Regulations-mechanismen des Körpergewichtes (Set-point) und den Zusam-menhang zwischen Diätverhalten und gestör-tem Essverhalten war und ist die sog. Minnesota-Studie von1944 auch bekannt unter Keys-Studie eine groß angelegte und in über 1000 Seiten doku-mentierte Studie (Keys et al., 1950*), im Auftrag der US-Regierung, um die psychophysiologischen Beeinträchtigungen der Opfer von Hungersnot im Nachkriegseuropa bzw. der Überlebenden von Konzentrationslagern zu untersuchen. 36 gesunde, junge Wehrdienstverwei-gerer kamen für 1 Jahr in ein "Hunger-Camp" und erhielten für 24 Wochen nur 50% ihrer gewohnten Nahrungsmenge (12 Wo. Baseline und 12 Wo. Rehabilitationsphase mit langsamer Steigerung der Kal. menge). Dabei wur-den eine Vielzahl psycho-logischer und physiolo-gischer Folgen beobach-tet, die als Reaktion auf die restriktive Nahrungs-aufnahme auftraten und üblicherweise als charak-teristisch für esssgestörte Patientinnen gelten:

körperliche Folgen: Schlafstörungen, Beschwerden im Magen-Darm-Bereich, Haarausfall, Sehstörungen, Kreislauf-probleme, Kopfschmerzen, Senkung von Blutdruck, Herzfrequenz und Körper-temperatur aufgrund der Energiesparfunktion des Körpers, der Grundumsatz reduzierte sich um ca. 40%, weshalb die Männer weniger an Gewicht verloren, als aufgrund der Kalorienreduktion zu erwarten gewesen wäre.

Verhaltensauffälligkei- ten: Zunehmende Beschäftigung mit Essen Veränderung von Essge-wohnheiten

bulimische Symptome: Beginn von Heißhungerat-tacken, Störung des Sättigungsgefühls, starke Hungergefühle selbst nach großen Mahlzeiten, Schwierigkeiten bei der Beendigung der Nahrungs-aufnahme

emotionale Veränderun-gen: Stimmungsschwan-kungen, Depression, Reizbarkeit, Nervosität, Wutausbrüche, Angst, Apathie, Interesselosigkeit

soziale und sexuelle Veränderungen: sozialer Rückzug, Isolation, reduziertes sexuelles Interesse, Auflösung von Beziehungen - kognitive Veränderungen: verminder-tes Konzentrationsver-mögen, verminderte Vigilanz und Urteilsfähig-keit, Entscheidungsunfreu- digkeit.

*Keys, , A., Brozek, J., Henschel, A., Mickelsen, O. & Taylor, H. L. (1950). The Biology of Human Starvation. Minneapolis: University of Minnesota Press.

 

Das Körpergewicht ist nicht beliebig und ohne Konsequenzen veränderbar, vielmehr existieren biolo-gische Regulationsmecha-nismen, das individuelle "Wohlfühlgewicht", das auch unter dem Schlagwort "Set-Point" bekannt ist, beizubehalten.

 

 

 

Institut

 

Essstörungen

In den folgenden Ausführungen werden nur die beiden Krankheitsbilder die Magersucht oder Anorexie und die Ess-Brechsucht oder Bulimie im Detail besprochen; auf andere krankhafte Essstörungen wie Pica (Essen von Dingen, die keine Nahrungsmittel sind), Rumination (Hervorwürgen von gegessener Nahrung), psychogenen Appetitverlust (Appetitverlust aufgrund psychischer Probleme), Nahrungsaversionen, "Binge eating" (Essanfälle, die aber nicht im Rahmen einer Bulimie passieren), "Night eating syndrome" (nächtliche Essanfälle), und der große Bereich der Essstörungen, die zu Übergewicht führen wird hier nicht speziell eingegangen.

Ab welchem Zeitpunkt weiß man, dass man an einer ernstlichen Essstörung erkrankt ist? Wenn man nicht mehr unbeschwert nach Hunger und Sättigung und mit Genuss essen kann, sondern das Essen immer belastet ist mit Nachdenken, Überlegen, schlechtem Gewissen und wenn die Waage oder das Kalorienzählen zu wichtigen Begleitern im Alltag werden.

In Österreich leiden ca. 100.000 Frauen im Alter von 15-20 Jahren laut Dr. De Zwaan (Leiterin der Ambulanz für Essstörungen am AKH Wien) an abnormem Essverhalten.

Ca 2-3% der Schülerinnen leiden an krankhaftem Diätwahn.

Weiter zu:

      Anorexie ("Magersucht")

      Bulimie ("Ess-/Brechsucht")

Ernährungspsychologische Grundlagen und Schlankheitsideal

Essen und Trinken sind nicht nur lebensnotwendig, sie spielen außerdem in unserem familiären und gesellschaftlichen Leben eine bedeutende Rolle. Während in früheren Zeiten und auch heute noch in einem Großteil der Welt die Nahrungsbeschaffung bzw. die Lebensmittelknappheit das Hauptproblem in Zusammenhang mit Ernährung darstellt, steht bei unserem Überangebot die Auswahl und das Entscheiden, was bzw. wie viel wir essen, im Vordergrund. Da der Mensch von seiner biologischen Ausstattung eher auf Hungersnöte, als auf Nahrungsüberfluss vorbereitet ist, ergeben sich in den so genannten Wohlstandsgesellschaften zunehmend mehr Ernährungs-, Ess- und Gewichtsprobleme, wie Magersucht (Anorexie), Ess-Brechsucht (Bulimie) oder Übergewicht.

Der Mensch ist zwar von Natur aus darauf vorbereitet mit Zeiten von Mangelernährung fertig zu werden, er ist aber nicht darauf vorbereitet, mit dem Überangebot umzugehen (sinnvoll auszuwählen, überzulassen etc.) und deshalb wurde der "Der Traum vom Schlaraffenland wurde zum Alptraum der Sozialmedizin" (Pudel & Westenhöfer, 1991).

Phasen mit bestimmten Vorlieben sind normal bis sehr sinnvoll, da nicht jeder Mensch immer gleich viel und die gleichen Nährstoffe braucht. Gemäß evolutionärer Gesichtspunkte macht es Sinn, dass das Vorhandensein und der Anblick von Essen beim Menschen das Verlangen danach auslösen.

Deshalb ist auch das Ziel, nach Hunger, Gusto und Sättigung zu essen, gar nicht so einfach zu erreichen.

Die drastische Zunahme des Durchschnittsgewichtes und der durch Überernährung bedingten Erkrankungen in der westlichen Bevölkerung sowie die Zunahme des Prozentsatzes von Menschen, denen Essen zum Problem wird, ist nicht verwunderlich: (1) es gibt immenses Nahrungsangebot hinsichtlich Menge und Vielfältigkeit; (2) die angebotenen Nahrungsmittel sind zum Teil viel hochwertiger, haben mehr Kalorien haben als in früheren Zeiten und werden ständig beworben; (3) wir bewegen uns viel weniger die Nahrungsbeschaffung und -zubereitung ist nicht mehr mit körperlicher Anstrengung verbunden.

Der veränderten Ernährungssituation und dem Trend der Gewichtszunahme steht das heute in den westlichen Ländern herrschende Schönheitsideal = Schlankheitsideal entgegen; galt gut genährt zu sein in früheren Zeiten als Symbol des Wohlstandes und des Friedens ist die Situation in den westlich orientierten Kulturen heute eher umgekehrt.

Das Schlankheitsideal ist das heute vorherrschende westliche Schönheitsideal. Die Medien, die gesamte Werbebranche und natürlich die Modebranche setzen auf schlanke, junge groß gewachsene Frauen und Mädchen ; Jung, attraktiv, schlank, erfolgreich, sportlich, immer aktiv und immer in Topform (psychisch und körperlich) zu sein wird gleichgesetzt mit Glücklich-sein.

Das Geschäft mit der Schlankheit und Jugendlichkeit blüht und ist als entscheidender Wirtschaftsfaktor anzusehen. Light-Produkte, die ständig "Neue Superdiät", Schönheitsfarmen, Schönheitschirurgie, Fitness-Studios u. v. a. m. setzen auf die Botschaft "nur schlank mit makelloser Figur und perfektem Aussehen ist man akzeptiert, glücklich und wird von anderen geschätzt".

Um welchen Preis ist das superschlanke Schönheitsideal zu haben?

      ständiges Diäthalten ist eine gesundheitsschädliche und eine weit verbreitete

          Essstörung (kollektives Diätverhalten)

      wiederholtes Ab- und Zunehmen ist ungesünder als konstantes leichtes Übergewicht

      Diäten schwächen: durch Diäten verliert man Fett und Muskeln, nach der Diät erhöht

          sich jedoch nur der Fettanteil

      ständige Diäten schrauben langfristig das Gewicht in die Höhe (Grundumsatz durch

          Diät erniedrigt) u. U. über den natürlichen Set-point

      dicke Menschen essen oft sogar weniger als schlanke (Grundumsatz, Irritation des

          Set-Points)

      der tatsächliche finanzielle, zeitliche und gesundheitliche Aufwand ist immens, der

          Preis für Schlankheit hoch

      psychische Probleme (Stimmung und Selbstwert oft abhängig von Gewicht und

          Einhalten der eigenen (Diät-)Standards)

      depressive Stimmungen: eine Studie v. 1999 mit über 100 Anthropologiestudentinnen

          ergab, dass der Anblick dünner Models bei den meisten zu einer depressiven

          Stimmung und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper führte. Pinhas und seine

          Kollegen sehen darin einen Beweis, dass den Medien eine wichtige Rolle bezüglich

          Essstörungen zukommt*.

Im schlimmsten Fall bezahlt man das Anstreben des Schlankheitsideals mit dem Erkranken an einer ernstlichen Essstörung:

      der gesamte Tagesablauf ist geprägt von Gedanken rund ums Essen, Nichtessen,

          Gewichtszu- und Abnahme, Kalorienzählen etc.

      es kommt wegen des Gewichts zu Eifersucht und Streit unter Freundinnen

      man lebt ein Leben ohne wirklichen Genuss nur mit Verzicht (als einzige Quelle von

          Befriedigung)

      man läuft große Gefahr, sich zunehmend mehr zurückzuziehen bis hin zur totalen

          Isolation

      gefährliche körperliche Risiken und weitere Begleiterscheinungen (s. u.)

      verzerrte Körperempfindungen, Körperwahrnehmungen und verlangsamtes Denken

      in der Schule und mit den Eltern gibt es gravierende Probleme

      man verliert den unbeschwerten Umgang mit dem eigenen Körper und dem Essen

      man begibt sich nach einem mehr oder weniger langen Leidensweg in Therapie und

          lernt dort, mit Problemen besser umzugehen und langsam wieder ein normales

          Verhältnis zum Körper und zum Essen aufzubauen.

* Pinhas, L., Toner, B., Ali, A., Garfinkel, P. & Stuckless, N. (1999). The Effects of the Ideal of Female Beauty and Body Dissatisfaction, John Wiley. S. 223-226)

Da heute ein Großteil der Frauen und auch zunehmend mehr Männer das Essen nicht mehr unbelastet genießt, sondern schon beim Einkauf darauf achtet, möglichst kalorienarme Lebensmittel zu kaufen und beim normalen Essen Schuldgefühle hat, spricht man heute auch von "kollektivem Diätverhalten"; dies und diverse schwerwiegende Essstörungen, die vor allem die Gesundheit und die Lebensqualität betreffen, sind der Preis, den die Menschen - vorwiegend Frauen - für das Anstreben des heute herrschenden Schönheits- = Schlankheitsideal bezahlen.

Experimente zur Regulation des Körpergewichtes ergaben die Bedeutung der Set-point-Theorie mit Stoffwechselanpassungen, d. h. dass jeder Mensch ein bestimmtes Gewichtsbereich (Set-point) hat, bei dem es ihm relativ gut geht - das individuelle Wohlfühlgewicht - und welches der Körper versucht durch unterschiedliche Regulations- und Anpassungsmechanismen relativ konstant zu halten. Die betrifft sowohl Gewichtszu- als auch Abnahme. Die Höhe des indivduellen Set-Point-Gewichtsbereiches hängt von verschiedenen Faktoren, wie genetischen Bedingungen, Lebensweise, Ernährungs- und Bewegungsverhalten, biologischen Bedingungen (endokrinologische Situation, Körperbau, etc.) Diäterfahrungen u. a. m. ab.

Die Studien zur Nahrungseinschränkung zeigen außerdem, dass viele Symptome, die essgestörte Patienten zeigen, natürliche Folgen dieser Nahrungsrestriktionen darstellen.

Weitere Experimente zu Restricted eating oder streng gezügeltem Essverhalten zeigen, dass dieses sehr störanfällig ist, das heißt, dass die strenge Kontrolle und Einschränkung der Nahrungsaufnahme häufig von Phasen des Überschreitens der selbst gesetzten Diätgrenzen oder Heißhungeranfällen unterbrochen wird, der sog. Gegenregulation. Diese streng kontrollierten Esser können dann wesentlich mehr esse als normale Esser.